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Travnicek und der Sommerurlaub
FREUND: Sagen Sie einmal, Travnicek, was haben Sie im Sommer vor? Werden Sie ins Ausland fahren, oder planen Sie einen Heimaturlaub?

TRAVNICEK: I werd' überhaupt ned auf Urlaub fahren. Seit die Ostgrenzen offen san, fühl' i mi nirgends mehr sicher.

FREUND: Aber Travnicek, Sie wollen doch nicht sagen, Sie sehnen sich zurück in die Zeit des Kalten Krieges?

TRAVNICEK: Die Welt war nie so sicher wie damals. Jeder hat gwusst', wann's poscht, dann poscht's ordentlich, und deswegen hat's aa nie poscht.

FREUND: Aber während der Kuba-Krise 1961 wäre es erwiesenermaßen beinahe zu einem atomaren Schlagabtausch gekommen.

TRAVNICEK: Dann müsst i halt heut' dominikanische Zigarren rauchen.

FREUND: Sie würden aber höchstwahrscheinlich überhaupt keine Zigarren rauchen, Travnicek, denn der Atomkrieg hätte sich auf Europa ausgeweitet und...

TRAVNICEK: ...und im Atomkrieg gibt's nur Zigarretten?

FREUND: Es ist unerheblich, ob es dann Zigarren oder Zigarretten gibt, wenn es keine Konsumenten dafür mehr gibt!

TRAVNICEK: Wos brauch i an Konsumenten?

FREUND: Sie brauchen keinen Konsumenten, Sie sind einer!

TRAVNICEK: I bin a Konsument? Nur weil i gern rauch? Dann san aber Sie aa a Konsument!

FREUND: Natürlich bin ich auch ein Konsument, jeder Staatsbürger ist mehr oder weniger ein Konsument.

TRAVNICEK: Dann hasst Konsument also nix anderes wie Österreicher?

FREUND: Aber nein, Travnicek, es gibt auch ausländische Konsumenten, sogar noch viel mehr als inländische.

TRAVNICEK: Was i allerweil sag', man ist nicht mehr Herr im eigenen Land.

FREUND: Aber Travnicek, die ausländischen Konsumenten sind doch selbstverständlich im Ausland; es sei denn, sie sind als Touristen hier.

TRAVNICEK: Also, wenn aner Konsument, Ausländer und Tourist gleichzeitig is’, dann is’ er in Österreich?

FREUND: ...Unter Umständen ja, Travnicek. Es sei denn, er ist eben gerade 1961 in Kuba, dann fliegt ihm eventuell dank Ihres Kalten Krieges eine Atombombe auf den Kopf.

TRAVNICEK: Aber wenn es 1961 is’, und die Bomben kommt von oben, dann liest sie das 1961 verkehrt und glaubt, es is’...

FREUND: ...frisch 1961, Travnicek. Aber es ist schön, dass Sie angesichts dieses todernsten Themas ihren Humor nicht verlieren. Ich bezweifle allerdings, dass Sie im Ernstfall auch so fröhlich geblieben wären.

TRAVNICEK: Was bleibt denn anders über? Muss ma halt a zeitlang statt Champignons Atompilze essen...

FREUND: Also erstens kann man Atompilze nicht essen, und zweitens wäre Sie von den Alpha-, Beta- oder Gammastrahlen binnen Sekunden zerschmolzen worden.

TRAVNICEK: Und des nennen Sie 'Kalten Krieg'? Was is dann bei Ihnen a Kalte Platte - a Käsefondue?!

FREUND: Machen Sie sich jetzt nur nicht lustig, Travnicek - immerhin waren Sie es, der die Zeiten des Kalten Krieges wieder herbeigesehnt hat.

TRAVNICEK: Na schaun Se: vor zwanzig Jahrn bin i jeden Sommer am Balaton gfahr'n und hab ma dort um zwa Schilling a hausgmachtes Gulasch und a kaltes Bier kauft. Heute zahl ich 20 Schilling, des Gulasch is aus der Dosen und des Bier is warm.

FREUND: Und wem geben Sie die Schuld daran?

TRAVNICEK: I wass ned, aber i sag mir: lieber a Kalter Krieg, als a warmes Bier.

FREUND: Aber Travnicek, Sie können doch nicht nur an sich selbst denken. Denken Sie an die vielen Bewohner der Staaten, die man früher die Oststaaten nannte...

TRAVNICEK: San die heute nimmer im Osten?

FREUND: Geographisch schon, Travnicek, aber ideologisch nicht mehr; ihre Bewohner können sich nun frei in der ganzen Welt bewegen.

TRAVNICEK: Ja, leider.

FREUND: Was heisst 'leider'?! Stellen Sie sich vor, Sie selbst wären Staatsbürger eines früheren Ostblocklandes gewesen, dann hätten Sie im Sommerurlaub nicht so wie jetzt...

TRAVNICEK: ...dahambleiben können?!

FREUND: Natürlich hätten Sie daheimbleiben können; Sie hätten sogar daheimbleiben müssen - eben des Kalten Krieges wegen.

TRAVNICEK: Und heut' muss i, weil er vorbei is.