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Der Struwwelpeter

von Heinrich Hoffmann

geschüttelt von Harald Weinkum


Struwwelpeter

 


Die Geschichte vom bösen Friederich

Nach dem, was man vom Friedrich wusst'
Beriet er allen widrig Frust.
Er fing die Fliegen in den Häusern,
Ließ sie die Flügel hinten äußern.
Auch seinen Hass genossen Kröten,
Die Katzen war'n in großen Nöten.
Viel leiden auch sein Gretchen muss:
Die Peitsche war dem Mädchen Gruß!

Am Brunnen steht ein Hunde, matt
Der Wasser in dem Munde hat.
Nun ist es mit dem Fritzen so:
Er tut 'ne Peitsch besitzen froh-
Und tritt nun, zwischen Säulen, her
Den Hund; und der muss heulen sehr.

Da folgt ein Biss, ein guter, plus-
Im Bein ein großer Bluterguss.
Jetzt droht ein Schmerzgewitter Beinen-
Da muss der Friedrich bitter weinen.
Nun kann der Hund, der Läusehaufen,
Samt Peitsch in sein Gehäuse laufen.

Viel Schmerz der Friedrich musst' erleiden
Auch sollte jede Lust er meiden.
Da Ärzte gerne Laien necken
Muss er bitt're Arzneien lecken.


Der Hund sitzt an dem vollen Tisch,
Isst Wurst und einen tollen Fisch;
Und dass nicht der Wauwau erdürste
Trinkt Wein er, und isst Dauerwürste.
Die Peitsche, die ein Brit' gemacht
Die hat er sorglich mitgebracht.


 

 


Geschichte von den schwarzen Buben

Kaum kam der Schwaben März heran
Ging ein kohlrabenschwärzer Mann,
und da die März’ voll Wonne sind
Schirmt er sich gegen Sonne, Wind.
Der Ludwig ist ein fittes Männchen-
Rennt her und bringt auch mit ’es Fähnchen.
Im Kostüm vom schrellen Schnitt
Kam Kaspar dann, mit schnellem Schritt.
Auch Wilhelm kommt, im steifen Ruhm
Und spielt mit seinem Reifen stumm.
*

Nicht akzeptabel finden das
Der Niklas und sein Tintenfass.
Der sprach: Darf traun’ ich meinen Ohren?
Ihr spottet lauthals einen Mohren?
Nicht weiss, wie ihr hier, vorder mir -
Was kann denn da der Mohr derfür?
Doch keinen Eindruck machen Lehren,
Die Buben nur ihr Lachen mehren!
Statt dass sie ihr Erbarmen üben
Verhöhnen sie den armen Büben.

Der Niklas wurde böse, wild, -
Das zeigt diese nervöse Bild!
Er setzt keinen Erbarmen-Akt
Wenn er sie nun bei Armen packt,
Den Wilhelm, Ludwig, deren Wut
Teilt Kaspar, der sich wehren tut.
Er tunkt sie in die Tinte gut -
Was selten gut ’nem Kinde tut.
Bis über’n Kopf ins Tintenfass-
Recht hart die Buben finden das.

Die schwarzen Füss’ und Ohren machten
Dass künftig sie den Mohren achten.
Dieser geht vor, und hintendrein
Die drei, in strengen Tinten-Reih’n;
Sie hätten besser ohnehin
Niemals bedacht mit Hohne ihn.

Die Geschichte von dem wilden Jäger

Der Jäger hier, in seinem Röcklein,
Mit sauber'm Schuh, und reinem Söcklein,
Nahm Ranzen, und die Flinten schwer,
Und laufet, im geschwinden Flair,
Die Brille auf der Nasen hoch-
Wollt' schiessen einen Hasen noch.

Und wie er so zur Schlacht lief-
Im Blatt der Has' sich lacht schief.

 

Bald ward zu schwer dem Jäger schon sein
Gewehr in diesem starken Sonnschein.
Er legt sich hin, im Grase hoch
Durch das auch unser Hase kroch.
Der Jägersmann mehr Schlafe bräucht'-
Zu ihm der Has, der brave, schleicht,
Tut diesen um die Stille prellen
Und ihm die Flint' und Brille stehlen.

Die Brille auf dem Nasenhaken,
Die Flinte fest im Hasennacken,
Die Welt will's Häschen schöner wissen-
Und dazu muss es wen erschiessen.
Davon flüchtet der Waidmann leis'-
Hört, was von seinem Leid man weiss:

Nachdem über den Weg er jagte
Zum Brunnen sich der Jäger wagte,
Er springt hinein, in krassen Nöten,
Hinunter, zu den nassen Kröten.

Kaum fiel des Hasen schönster Feind,
Ein Frauenbild durchs Fenster scheint.
Durch Schüsse aus der Kaiserwaffe
Entströmt der Frau nun weisser Kaffee.
Beim Brünnche, voller Hohne saß
Des Häschens kleiner Sohne-Has'.
Beim Schuss war er im Grase noch-
Kaffee ihm auf die Nase kroch.
Er steht auf seinen Hintenenden
Und hält den Löffel in den Händen.

 

 

 

 


Die Geschichte vom Daumenlutscher

Laut Mama soll sich der Knabe hüten
(widrigenfalls sie habe Knüten!)
dass bis zurück die Frau komm’,
er zwar sein Essen kau fromm,
auch stopf’ er sich mit Pflaumen dicht-
doch weh, er bricht die Daumenpflicht:
wenn diesen sie ihn höre lutschen,
wird gleich er in die Hölle rutschen!

 


Mama verlässt nun diesen Raume-
wupp! in den Mund der Riesendaume.

 


Die Türe tönt mit Krach, ein Pautz!,
und in das Zimmer brach ein Kauz,
sein Anblick wär den Schlangen Ehre,
mit einer superlangen Schere.

 


Nun macht es Klipp!, und einen Klapp!-
die Daumen trennt’s dem Kleinen ab.
Der Bub ergibt sich seinen Wehen
man kann ihn lang noch weinen sehen.

 

 


Die Geschichte vom Suppen-Kaspar


Ein Bub, so frisch, und so gesund
tut plötzlich bei der Sauce kund:
“Bei meinem Daumen seiner Kuppe:
ich ess’ ab heute keine Suppe!!”

 


Am nächsten Tage, sieh nun her,
sein Bauch knurrt da und hie nun sehr.
Als alle ihre Teller hoben,
hört’ man den Bub noch heller toben:
“Damit mein Nachtbett nicht ich nässe,
auch diese Suppe ich nicht esse!!”

 


Tags drauf wurd aus dem hagern Mann,
ein Bild gleich einem magern Hahn.
Und ist auch nicht sein Hunger leiser,
schreit dennoch sich die Lung’ er heiser:
“Ich find’, der Flocken überdrüssig,
die Suppe trocken, überflüssig!
Ich ess davon nicht eine mehr-
zum Schwur entbiet ich meine Ehr!”

 


Ein halbes Lot, am vierten Tage
wiegt er auf der lädierten Waage.
Tags drauf der so geklärte Magen
gibt Anlass für vermehrte Klagen:

 


wo einst der Kaspar war gesund
liegt nun er sich im Sarge wund.

 

 


Die Geschichte vom Zappel-Philipp


"Ob der Philipp heute still
Wohl bei Tische sitzen will ?"
Also sprach in ernstem Ton
Der Papa zu seinem Sohn,
Und die Mutter blickte stumm
Auf dem ganzen Tisch herum.
Doch der Philipp hörte nicht,
Was zu ihm der Vater spricht.
Er gaukelt
Und schaukelt,
Er trappelt
Und zappelt
Auf dem Stuhle hin und her.
"Philipp, das mißfällt mir sehr !"


Seht, ihr lieben Kinder, seht,
Wie's dem Philipp weiter geht !
Oben steht es auf dem Bild.
Seht ! Er schaukelt gar zu wild,
Bis der Stuhl nach hinten fällt;
Da ist nichts mehr, was ihn hält;
Nach dem Tischtuch greift er, schreit.
Doch was hilfts ? Zu gleicher Zeit
Fallen Teller, Flasch' und Brot.
Vater ist in großer Not,
Und die Mutter blicket stumm
Auf dem ganzen Tisch herum.


Nun ist der Philipp ganz versteckt,
und der Tisch ist abgedeckt,
Was der Vater essen wollt',
Unten auf der Erde rollt;
Suppe, Brot und alle Bissen,
Alles ist herabgebissen;
Suppenschüssel ist entzwei,
Und die Eltern stehn dabei.
Beide sind gar zornig sehr,
Haben nichts zu essen mehr.


 

Die Geschichte von Hans Guck-in-die-Luft


Der Hans, ein gutaussehend Kind,
so gern - zur Schule gehend - sinnt,
Den Blick zu Wolken, Schwalben hebt
Derart er allenthalben schwebt.
Doch - es sah der Bursche nicht die
Ding’ vor eignen Füssen dicht- nie!
Also dass ein jeder ruft lasch:
“Seht den Hans Guck-in-die-Luft rasch!“


Daher kommt nun gerannt ein Hund, als
Der Hans streckt hoch sein Köpfchen und Hals
In reine Luft.
Allein ruft
Niemand:“Sieh’ den alten Hund!“
Der Hans tut drum nicht halten, und
Bauz! Perdauz! Die beiden liegen
Und schmerzvoll sich im Leiden biegen.


Dort, wo die Ufer hinten enden
Ging Hans, die Mappe in den Händen-
(ein Pfund plus ein halben schwer),
Sah über sich ein Schwalbenheer,
Passt drum nicht auf die Flüsse auf-
Gefährlich wird der Füsse Lauf.

Die Fische, als frontale Reihe
Sind erstaunt sehr, alle dreie.


Plumbs! Da stürzt der gute Hans,
Ist nass vom Schuhe zum Hute ganz!

Die Fischlein sich erschrecken tun
Und bald in den Verstecken ruhn.


Doch Hans zeigt sich an Glücken reich:
Es fischen ihn am Rücken gleich
Zwei Männer mit zwei feinen Stangen
Die ihn zu Ufersteinen fangen.


Seht den Hans nun triefend lehnen-
Von seinen Wangen liefen Tränen,
Wasser tropft vom armen Wicht
Die Schuh sind keine warmen nicht,
Die Kälte schmerzt den armen Bauch;
Es friert ihn zum Erbarmen auch.

Der Schauplatz ist den Fischen Ziel:
Sie schwimmen her und zischen viel.
Und lachen man, in dicker Flut
Über ins-Wasser-Flieger tut.
Dem Fisch lacht die gemeine Klappe-
In Ferne schwimmt die kleine Mappe.


 

 

 


Die Geschichte vom fliegenden Robert


Die Kirch verblasen tät der Sturm-
Doch wie ein Felsen steht der Turm.
Die Tage, die solch Wetter nähren
In warmer Stuben netter wären.
S'Gewitter hängt gefährlich hinten:
Doch Robert will das herrlich finden!
Man macht sich Sorgen wegen Robert:
"Wo patschest du im Regen, wo, Bert?"


Wo Regen in das Felde mündet
Man ihn in dem Gemälde findet.

Könnt bloss der Schrim erfinden was,
Dass Robert nicht der Wind erfass!
Auch wenn er noch so weckend schreit-
Der Wind treibt ihn erschreckend weit.
Der Hut nur aus den Wolken fiel:
Das kommt, wenn man nicht folgen will!


Manch Baum sich in der Fläche biegt
Wo Robert über Bäche fliegt.
Ihm weit voran, der Hute gehe
-Erreicht erstaunlich gute Höhe.
Wohin sie trägt der Winde Kissen,
Ja, das kann kein Kinde wissen.


 

 

 

 

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