"st. leonhard"
Die folgende Geschichte hat einen großen Haken: sie ist eigentlich unerzählbar. Nicht, weil sie so geschmacklos wäre (wenn ich so recht überlege, wäre das vielleicht ein Mitgrund), sondern hauptsächlich deswegen, weil es im Hochdeutschen keinen Ausdruck gibt für... Wofür? Dafür. Wenn man... "Blähungen hat", oder einem "einer auskommt", oder man "einen fahren läßt".
Ich hege nämlich Zweifel, dass "Schas" tatsächlich ein abgesegnetes Mitglied des hochdeutschen Sprachschatzes ist. "Furz" noch weniger, "Winde" sind streng genommen wesentlich umfangreicher, wenngleich sie (im Idealfall) weniger drastische olfaktorische Auswirkungen haben.
Was wäre also der angebrachte Ausdruck? Ich weiß es nicht, und werde mir im folgenden mit einigen aus der Umgangssprache geliehenen Termini zu helfen versuchen.
Ort der Handlung: Sankt Leonhard am Forst. Letzterer Zusatz ist sehr wichtig und wird von den Ortsansäßigen stets durch nachdrückliche Betonung hervorgehoben, zählt doch "St. Leonhard" zu Österreichs häufigsten Ortsnamen (es wäre eigentlich interessant, einmal z.B. alle Ortsbewohner aller österreichischen St. Georgens oder St. Jakobs zusammenzuzählen; ob dann immer noch Wien, mit nur einer einzigen lächerlichen Niederlassung, immer noch die größte Stadt Österreichs wäre?). Dort, in St. Leonhard am Forst, gibt es einmal jährlich ein Hobby-Fußballturnier. Zumindest ist es als solches gedacht; ich hingegen vertrete die Ansicht, dass zumindest 1992, im Jahr meiner Teilnahme unsere Mannschaft, St. Leonhard am Forst, tatsächlich die einzige Hobby-Mannschaft war, und unsere gesamtbilanz (3 Spiele, 3 Niederlagen, Torverhältnis 2:29) gibt mir eindrucksvoll recht.
All das aber nur am Rande; gespielt wurde an einem Sonntag, Treffpunkt war um 7h früh, und 7h früh an einem Sonntag in einer Marktgemeinde ist wirklich früh, denn es gilt dort als selbstverständlich, dass am Vorabend bis zum Umfallen "gesoffen" wird.
Ob es nun für oder gegen mich spricht, ich gab als erster klein bei und torkelte um 3h früh heim, meine Mitstreiter in bester Stimmung zurücklassend.
Ich weiß nicht, um wieviel Weizenbier länger zur Verdauung braucht als herkömliches Bier, in jedem Fall aber länger als die 3 Stunden, die ich ihm in dieser Nacht offerieren konnte, und so gingen in meinem Darm beim Aufstehen um 6h früh die wunderlichsten Dinge vor, begleitet von eher merkwürdigen Geräuschen und vor allem: den gefährlichsten Blähungen meines Lebens.
Zeit für etwaige Blitztherapien (gibt es welche?) blieb nicht, mein freund und Quartiergeber stupste mich ins Auto, und los gings richtung Fußballplatz. Vielleicht spielt das Modell seines Autos eine stark unterschätzte Rolle für den Fortgang der Geschichte, daher sei noch erwähnt, dass es sich um einen Renault R5 handelte. Kennern braucht nicht gesagt zu werden, dass das Gesamtluftvolumen des Fahrzeuginnenraumes als sehr klein bezeichnet werden kann, und sich daher jede darin von einem Fremdkörper (technisch gesehen; mir ist mein eigener Körper natürlich nicht fremd) eingebrachte Gasmenge in Relation zum Gesamtluftvolumen sehr stark bemerkbar macht.
Der 2. Hauptsatz der Thermodynamik besagt zwar, dass in einem geschlossenen System der Grad der Entropie, d.h. die Vermischung eines eingebrachten Gases mit dem Restvolumen, ständig zunimmt, die Konzentration desselben daher mit zunehmender Zeit abnimmt, aber gegen meine damaligen Blähungen war selbst der 2. Hauptsatz der Thermodynamik machtlos, und so sah ich mich nach einer spontanen Entladung plötzlich dem entsetzten Blick meines Freundes und Fahrzeuglenkers ausgesetzt (er hatte am Vorabend bis zum bitteren Ende durchgehalten und war daher von haus aus in einem äußerst labilen Zustand physischen Wohlbefindens), der mich mit blassem Blick anflehte: "Bitte...mach so-fort das Fenster auf, sonst..."
Im ersten Reflex griff ich nach der Fensterkurbel, allerdings versetzte mich die Unabgeschlossenheit seiner Drohung in eine gewisse Spannung, und so fragte ich, anstatt das Fenster zu öffnen:
"Sonst...was?"
"Sonst..." wieder keine befriedigende Antwort.
"Was passiert sonst?" konterte ich, nunmehr in restlos gespannter Erwartung. "Sonst... sonst speib ich mich auf der Stelle an."
Hier wären wir also wieder beim für mich unrühmlichen Höhepunkt einer Geschichte, denn das war einfach eine zu spannende Ankündigung, als dass ich einfach seiner Bitte hätte entsprechen können.
"Das möcht ich sehen" sagte einer von uns beiden (und es war nicht mein Freund). Der konnte nämlich auch gar nichts mehr sagen, er schaffte es gerade noch, den Blinker zu aktivieren und auf den rechten Fahrbahnrand zuzunavigieren, bevor er im Ausrollen des Autos ein partiell verdautes Potpourri seiner vorabendlichen Konsumationen gleichmäßig auf Armaturenbrett, Lenkrad, Fahrersitz, Fußraum sowie seinen Trainingsanzug verteilte.
Trotz des nun endgültig unausstehlichen Geruches im Wageninneren saßen wir beide ziemlich lange wie versteinert da. Phase Zwei bestand darin, dass wir schlußendlich doch etwas Außenluft ins Wageninnere ließen, ja sogar das Auto für einige Minuten ganz verließen; allerdings wäre es unmöglich gewesen, uns einander in diesem Moment anzublicken.
Ich glaube, ich selbst leitete mit gackerndem Gelächter in weiterer Folge Phase Drei ein, die eigentlich bis heute angehalten hat; unterbrochen lediglich für wenige Minuten, um das Auto, vor allem die linke Wagenhälfte, notdürftig zu säubern.
Ich möchte aber einen mildernden Umstand anbringen: beim anschließenden Fußballturnier mußte sich der Tormann und Bruder meines Freundes nach ähnlichen vorabendlichen Aktivitäten ca. nach jedem dritten kassierten Tor (also durchaus der öfteren), ebefalls wiederholt übergeben, dieses jedoch ohne mein Zutun. Das heißt, eigentlich spielte ich durchgehend "Letzter Mann", aber im Hinblick darauf, dass die Spiele unter freiem Himel stattfanden, beanspruche ich diesmal den 2. Hauptsatz der Thermodynamik zu meinen gunsten wofür hab ich schließlich in Physik maturiert?
© 1999 by hw