gumpendorferstraße
Ich weiss nicht, wie einheitlich in Mitteleuropa das System der Numerierung von Gebäuden entlang ihrer Straßen, Gassen, etc... ist, jedoch zumindest in den mir bekannten Städten hat sich folgender Standard durchgesetzt:
auf Straßen, die vom Stadtzentrum aus zur Peripherie hin verlaufen (von den GeometrikerInnen als 'radial' bezeichnet), liegen auf der stadtauswärts gesehen linken Seite die ungeraden Hausnummern, zum Stadtrand hin zunehmend, und auf der rechten Seite die -wer hätte das geadcht?- geraden.
Auf kreisförmig um den Stadtkern liegenden Verkehrswegen (von den GeometrikerInnen als 'konzentrisch' bezeichnet) ist diese Regel ebenfalls anwendbar mit der Adaption, dass die Eigenschaft 'stadtauswärts' hierbei durch 'im Uhrzeigersinn' zu ersetzen ist.
Dieses System ist bei der Suche nach einer konkreten Hausnummer im urbanen Bereich ziemlich zuverlässig anwendbar. Bleibt die Frage, was mit jenen wenigen Straßen und Gässchen ist, die weder in Richtung Stadtkern zeigen, noch um denselben herum verlaufen (von den GeometrikerInnen als 'tangential' bezeichnet). Nun, bei jenen gibt es eine tatsächlich 100% sichere Regel: die Numerierung verläuft stets anders, als man glaubt.
Leider ist diese Methode trotz ihrer Zuverlässigkeit fast immer mit einem kleinen Stadtspaziergang verbunden, und da wir es hierbei - wie erwähnt - mit weder zum Stadtkern, noch um denselben herum verlaufenden Strecken zu tun haben, findet jener meist irgendwo zwischen Satellitenstädten und Industriegebieten statt.
Kennern der Wiener Stadtphysiognomie braucht nicht gesagt zu werden, dass die Wiener Gumpendorferstraße vom Stadtzentrum ausgehend zur Peripherie hin verläuft, und damit zweifelsfrei in die erste Kategorie der eben besprochenen Straßen fällt.
Diese Erkenntnis hat für folgende Berufsgruppen einen besonderen Stellenwert: Briefträger, Expresspostzusteller, Auftragskiller und Fahrradbotendienste.
Von diesen Berufsgruppen habe ich 3 niemals erwerbsmäßig ausgeübt: Briefträger, Expresspostzusteller und Auftragskiller. In der verbleibenden Funktion, also als Fahrradbotendienst, war ich im Sommer 1991 in der Wiener Gumpendorferstraße unterwegs. Die von mir zu beliefernde Addresse lautete: Gumpendorferstraße 65.
Von Stadtzentrum her kommend strampelte ich mich in 2er Schritten hoch, bis ich vor dem Haus mit der Nummer 61 ein willkommenes Areal zum sicheren Abstellen meines Dienstfahrzeuges vorfand, bremste, abstieg und mein zentnerschweres Fahrradschloss in seine Bestimmungsposition brachte.
Das übernächste Haus anvisierend überqürte ich schnell noch eine Seitengasse, ließ das Haus Nr. 63 links liegen (im wahrsten Sinne des Wortes) und sprang eilig in den Eingang des nächsten Gebäudes, um meine Klientenpartei auf der Gegensprechanlage ausfindig zu machen.
Die unnötig lange, da vergebliche Suche endete mit der Erkenntnis, dass ich überraschenderweise im Haus Nummer 63a gelandet war. Dies ist eine seltene Ausnahmeerscheinung auf einigen älteren Wiener Straßenzügen, die vor langer Zeit großzügig numeriert worden waren und wo diese Einteilung der späteren eifrigen Bebauung nicht gewachsen war.
Kein Problem, dachte ich, steürte also dem nächsten hauseingang zu, um diesmal nach kürzerer, aber ebenso vergeblicher Suche über meinem Kopf das Schild 'Nr. 63b' zu finden.
Von meinem Schicksal schon etwas genervt begab ich mich abermals auf den weg zum nächsten Haus, und - bereits misstraurisch geworden - suchte ich diesmal gleich nach dem blaün Schild mit der hausnummer, und in strahlend weißen Lettern wurde darauf verkündet: 63c.
Nach einer weiteren Seitengasse, mit dem Schlimmsten rechnend, aber doch auf das Beste hoffend, wartete bereits die nächste Enttäuschung: 63d.
Hier blickte ich bereits erstmals auf die Uhr, denn der Geschwindigkeitsvorteil von Fahrradboten liegt ja hauptsächlich darin, dass sie unkompliziert und von Parkplatzsorgen verschont möglichst bis vor die Haustür der Zustelladdresse fahren können, was in diesem Fall bereits verspielt war und der Kunde vermutlich schon ungeduldig wartete.
Umso zielstrebiger (hier wollte ich das Wort 'Berufsethos' einstreuen - ah, da stehts ja schon) begab ich mich nochmals um eine Addresse weiter, wo ich das dort vorgefundene Schild mit der Nummer 63e zwar nicht durch Nichtbeachtung, aber immerhin durch einen meiner verächtlichsten Blicke strafte.
Was soll ich Ihnen sagen, schön langsam wusste ich nicht, ob ich dem blanken Ärger oder dem Staunen ob dieser Abnormalie den Vorzug geben sollte, und ich entschied mich letzten Endes mit nur einer Stimme Unterschied für Ärger, nicht zuletzt angesichts meines schön langsam massiv einsetzenden Huger- und Durstgefühls.
Apropos Hunger und Durst: beide konnten auch bei der nächsten Addresse keine Erleichterung erfahren, denn sie lautete doch tatsächlich: 63f.
Als ich mir zu diesem Zeitpunkt vergegenwärtigte, dass unser Alphabet - Umlaute und Scharfes 's' ausgenommen - 26 Buchstaben hat, überlegte ich kurz, zu meinem Fahrrad zurückzugehen und mich rollenderweise durch diese städtebauliche Buchstabensuppe zu bewegen, dann aber sagte mir mein Hausverstand (wieder einmal im wahrsten Sinne des Wortes), dass ich als Wiener von einer Addresse 'Gumpendorferstraße Nr. 63z' sicherlich schon gehört hätte, wenn sie existierte, und somit, auf ein unmittelbar bevorstehendes Ende meiner Odissee hoffend, wanderte ich unerschrocken weiter zum Haus mit der Nummer: 61g.
An dieser Stelle möchte ich nochmals erwähnen, dass der Zeitpunkt der Handlung der Hochsommer war, der ja - zumindest in der nördlichen Hemisphäre - der heisseste Zeitraum des Jahres ist und ich die zuzustellende Sendung die ganze Zeit über in einem luftundurchlässigen Rucksack beförderte, der tapfer jede Luftzufuhr zu meinem schweissgebadeten Rücken unterband.
Um Sie nicht unnötig zu langweilen, lassen Sie mich nur beiläufig erwähnen, dass es in Wien auch ein Haus mit der Addresse 'Gumpendorferstraße 63h' gibt, und nach einer weiteren Fluch- und Verschnaufpause lieferte ich eine Vorstellung, die ohne Übertreibung als die unfreundlichste, jemals erfolgte Fahrradbotendienstzustellung bezeichnet werden kann.
Immerhin unterband meine forsche Art jedwede Diskussion über den unerwartet langen Zustellungszeitraum, und - als Besitzer einer Monatskarte der Wieder Verkehrsbetriebe - leistete ich mir den Luxus, mich von dem nächsten Autobus der Linie 57A zu meinem Fahrrad zurückchauffieren zu lassen.
Da unmittelbar kein Auftrag wartete, fuhr ich zu meiner nahegelegenen Wohnung, duschte mich und verzehrte eine dem Anlass angemessene Ration Einfachzucker, bevor ich meinen Pager ausschaltete und den Arbeitstag für beendet erklärte.
Potentiellen Berufskillern unter Ihnen möchte ich noch einen Rat geben: beginnen Sie unter gar keinen Umständen bereits beim Haus Nr. Gumpendorferstraße 63, ihren Schalldämpfer zu montieren; die Chance, unentdeckt bis zum Haus Nummer 65 vorzudringen, ist gleich 0.
©1999 by hw