"frauen"
Die interessantesten Frauen wohnen immer im obersten Stock. Immer. Wenn es irgendeine Weisheit gibt, die ich anderen, jüngeren Männern weitergeben kann, dann ist es diese.
Ich weiß nicht, warum. Ich habe versucht, Theorien zu entwickeln, brachte ins Spiel, daß gebrechlichen Mietern der lange Aufstieg zu beschwerlich wäre, daß Familien mit Kindern nicht ständig Fahrräder oder Kinderwagen auf- und abtragen wollen, daß Hausbesorgerfamilien grundsätzlich im Erdgeschoß wohnen, aber all das schließt nur einen geringen Prozentsatz der Bevölkerung aus. Warum also können sich die geistreichsten, erotischsten Frauen unserer Zeit nicht der Gaußschen Normalverteilungsfunktion entsprechend auf alle Stockwerke eines Hauses gleichmäßig aufteilen?
Andererseits, warum sollten sie? Es hat, wenn man diese Laune der Wohnungsvergabe einmal akzeptiert hat, die größten Vorteile. Nicht physisch, freilich, denn oberster Stock Altbau bedeutet erst einmal: jedes Stockwerk nimmt mind. 4m Höhe in Anspruch, weiters betritt man das Haus praktisch im 3. Kellergeschoß, denn nach dem Erdgeschoß kommt erst einmal ein "Mezzanin", und auch für das nächste Stockwerk (in Nordamerika bereits als das dritte geführt) behält man sich entweder "Hochparterre", "Souterrain" oder ähnliche, vermutlich frei erfundene französisch klingende Wörter vor, so daß ein im ersten Stock stehender Wiener seinem amerikanischen Bekannten im vierten Stock die Hand schütteln könnte (aber das nur am Rande...).
Und schließlich braucht wohl nicht erwähnt zu werden, daß in Altbauwohnhäusern zwar die Innenhof-Fassaden (schon mal Hoffassade zusammen geschrieben? ughhh) flächendeckend mit Satelliten-Empfangsanlagen ausgekleidet sind, an den nachträglichen Einbau eines Aufzuges jedoch nicht im entferntesten gedacht wurde.
Der Vorteil kann also nur darin liegen, daß man - und das ist das Revolutionäre - bereits vor der ersten, gemeinsam verbrachten Nacht genau weiß, woran man ist. Ja, in manchen Fällen läßt sich sogar aus der Anordnung der Parteiennamen auf der Gegensprechanlage bereits die Lage der angepeilten Wohnung erkennen und der entsprechende Knopf gar nicht erst betätigen. Ein Anruf aus einer nahegelegenen Telefonzelle kann dann zur Bekanntgabe einer immer schon latenten, und nun endlich eingestandenen Homosexualität dienen, oder man sei in einen Auffahrunfall verwickelt und müsse daher den an sich heiß ersehnten Besuch verschieben.
Stellt sich aber, und das ist bei einem von Haus aus kritischen Junggesellen weitaus öfter der Fall, beim Betreten der Liegenschaft die tatsächliche Lage der zu besuchenden Wohnung im obersten Stock heraus, so ist man nicht - wie oft fälschlicherweise vermutet - am Anfang eines neuen Abenteuers, sondern schon mittendrin.
Nun gibt es aber noch etwas, das ich die "Feuerprobe" in angehenden Liebschaften nenne: aus ähnlich mysteriösen Gründen gibt es nämlich in den Küchen der interessantesten Frauen immer genau eine Steckdose zuwenig. Dies mag einem freilich nicht sofort auffallen, dem gänzlich ungeschulten Eroberer vielleicht überhaupt niemals bewußt werden, aber gleichgültig ob in der Küche eine fixe Zahl von Wandsteckdosen oder eine kreative Kombination von Verlängerungskabeln und Verteilersteckern zum Einsatz kommt, es gibt immer genau eine Dose zuwenig. Und dies wird immer genau dann (und nur dann!) offenbar, wenn man sich im zuge des gemeinsamen Kaffeekochens ("Kommst du noch auf einen Kaffee herauf?" führt also in manchen Fällen tatsächlich zu gemeinsamem Koffeingenuß) anbietet, irgendwelche untergeordneten Hilfstätigkeiten zu übernehmen, und dieses Angebot mit der Bitte akzeptiert wird, die aktuelle Ration Kaffee mittels einer (und nun wird es spannend) elektrischen Kaffeemühle aus den zugeteilten, ganzen Bohnen zu mahlen.
Jetzt heißt es nicht die Nerven verlieren, denn die endgültige Bestätigung oder grenzenlose Enttäuschung all seiner bisherigen Bemühungen steht unmittelbar bevor. Der Satz, der einen innerlich jubeln und alle Zweifel für die nächsten Wochen (oder gar Monate) vergessen lassen kann, lautet: "Aber du mußt dazu erst die Kaffeemaschine ausstecken."
Wow. 8 Wörter, was sage ich, 8 Worte, die das Leben innerhalb von Sekunden verändern. Hat man diesen Satz erst einmal im Innenohr, ist er einmal gehämmert, geamboßt und steiggebügelt, hat er sich in der Gehörschnecke verdichtet, wurde er einmal im Sprachzentrum dekodiert und ins Kurzzeitgedächtnis eingespeist, dann darf man nicht mehr, nie mehr fortlassen. Zu kostbar ist die Bedeutung, die von ihm ausgeht.
"Aber du mußt dazu erst die Kaffeemaschine ausstecken."
Diese Worte, im obersten Sock eines Altbaumiethauses vernommen, bedeuten: du hast soeben 6 Richtige in einer Lottorunde mit doppeltem Jackpot, dazu den Joker gewonnen und angekreuzt, und obendrein fällt die Zusatzzahl (finanziell weniger bedeutsam) mit deinem Geburtsdatum zusammen. Obendrein erhältst du einen Untauglichkeitsbescheid und deine Lieblingssorte Cremissimo ist für kurze Zeit um 10 Schilling billiger. Und schließlich hast du soeben die realistische Chance erhalten, deine Kondome erstmals vor ihrem Ablaufdatum zu verbrauchen, und dabei vielleicht sogar dein Herz zu verlieren, auf daß du früher oder später von einem jungen Sportstudenten ausgebootet wirst und dir wieder einmal vornimmst, dich nie wieder zu verlieben.
Ó 1998 by hw