"erzherzog"
An meine Volkschulzeit denke ich mit eher gemischten Gefühlen (etwa Einsamkeit mit Verbitterung) zurück, denn sie war tatsächlich einer meiner kontaktärmsten Lebensabschnitte. Meine Schulkameraden, mit denen ich vermutlich meine Freizeit verbringen hätte sollen, mieden mich eher; nicht zuletzt, weil sie es mir mehr als mißgönnten, wenn ich ohne erkennbaren Aufwand fehlerlose Tests fabrizierte, während manche von ihnen trotz verbitterten Lernens nur mühsam in den positiven Notenrängen blieben. Zumindest ist das eine für mich sehr bequeme Erklärung.
Das einzige, winzige Gegengewicht dafür war der Ruf eines kleinen Genies, den uneingeschränkt zu genießen ich mich in meiner Isolation gezwungen sah, wollte ich meinem Leben auch irgendetwas Positives abgewinnen. Vielleicht war es deshalb, dass ich immer dann die schwersten Selbstzweifel hatte, wenn ich mir zu allem Alleinsein auch noch eine intellektuelle Blöße gab.
Deren die schlimmste, die ich mir in Erinnerung rufen kan, ließ mich kurzfristig zu einem traurigen Konglomerat aus kaltem Schweiß, warmen Tränen und einem riesigen, über meinen Kopf gezogenen Pullover (daher vermutlich der Name) mutieren. Das Fach war "Sachunterricht", und das Stundenthema "Bodenschätze in Österreich", zu diesem Zeitpunkt noch genauer: Erz.
In der Hoffnung, dass einige Schüler mit dem steirischen Erzberg vertraut sein könnten, appellierte die Lehrerin an uns, zu raten, wo denn in Österreich das größte Erzvorkommen wäre. Ihr Tip: man könne es schon am Ortsnamen erkennen.
Von meiner Einschätzung als "Blitzkneißer" getrieben, wartete ich freilich nicht, bis mir womöglich ein anderer Schüler zuvor kommen könnte, denn in meinem Kopf wartete bereits eine schlagkräftige Assoziation auf ihre Freisetzung. "ERZherzog..." höre ich mich auch schon schreien, zu dumm jedoch, dass das kein geografischer Begriff ist, "...karl..." füge ich rasch hinzu, um Zeit zugewinnen, was freilich genausowenig ein geografischer Begriff ist, "...s..." gewinnt mir eine weitere Sekunde, da der dadurch implizierte Genetiv eine Fortsetzung des Begriffs verspricht, "...straße!" wie genial, nicht nur ist "ErzherzogKarlStraße" zweifelsfrei ein geografischer Begriff, die tatsächliche Lage der Straße unweit meiner Volkschule gewährleistete sogar, dass alle Mitschüler diese Straße kannten.
Zu diesem Zeitpunkt traf mich dann die Einsteinsche Relativität der Zeit mit voller Härte. Was sich soeben noch als Hochschaubahnfahrt durch Zeit und Raum angefühlt hatte, schlug pötzlich um in den (eher mit Stephen Hawking assoziierten) völligen Stillstand von Materie, Energie und dem Zeitbegriff an sich. Mein Blut tröpfelte scheinbar gleichsam den Körnern einer Sanduhr von meiner Vor- in die Hauptkammer, soviel Zeit offenbarte sich mir plötzlich für die Erkenntnis, dass das größte Erzvorkommen Österreichs nirgendwo derartig sicher nicht beheimatet ist, wie in der Kagraner ErzherzogKarlStraße; Erzherzog hin, Erzherzog her.
Sinnigerweise war es damals im Unterricht heilige Regel, Wortmeldungen nur stehend vorzunehmen, und somit profitierte ich gleich von zwei Effekten: erstens gab es auch für den schwerhörigsten Mitschüler keinen Zweifel mehr, wer der Vater dieser interessanten, jedoch durchwegs alle (außer einem) Schüler zu spontanen, kopromißlosen Lachanfällen bewegenden Theorie war, und zweitens bewirkte die (von Newton formulierte, vielen Dank!) Trägheit der Masse, dass sich ein Großteil meines Blutvolumens durch die plötzliche Erdannäherung beim (durchaus zügigen) Hinsetzen in meinem Kopf sammelte, und das darin enthaltene Hämoglobin alles in seiner Macht stehende beitrug, ebendiesem Kopf eine der Situation angemessene Färbung zuteil werden zu lassen.
Wie schon angedeutet, verbrachte ich die nächsten zweieinhalb Jahre in einer nach verschiedenen Körpersekreten riechenden, hauptsächlich von meinem Pullover gebildeten Höhle, die sich allerdings beharrlich weigerte, sich in den Mutterleib oder wenigstens in einen aufgelassenen Stollen des Erzbergwerkes zu verwandeln.
Als ich mich irgendwann im dritten auf die Katastrophe folgenden Kalenderjahr aus Sauerstoffnot doch zur Rückkehr an die Außenwelt gezwungen sah, erwartete mich geduldig das anhaltende Gelächter meiner Klassenkameraden, nur dass mittlerweile auch meine Lehrerin sichtlich davon angesteckt worden war.
Gerne würde ich nun behaupten, dass mich jenes Erlebnis dauerhaft zu einem bescheidenen und jede Reaktion wohlüberlegenden Zeitgenossen bekehrte, aber etwas derartiges sollte man nie selbst beurteilen. Wie auch immer, der logische Effekt, dass ich durch meine offensichtlich dumme Wortmeldung im Gegenzug wieder leichter Freunde gewinnen hätte können, blieb freilich aus. Logik gehorcht nämlich immer der Mehrheit.
Ó 1999 by hw