"brian"
Es gibt drei Dinge, bei denen ein Mann keinen Spass versteht: a) die Größe seines Penis, b) die Größe seines Penis, und c) die Größe seines Penis.
Elfriede Jelinek hat es einmal treffend formuliert: "Eine Laune der Natur bewirkt, dass den Männern ihr Geschlecht meist zu klein geworden ist, bevor sie es noch richtig zu tragen gelernt haben."
Wie dem auch sei, ich konnte mich relativ bald zu jener Minorität zählen, die inneren Frieden mit dem Ausmaß ihres primären Geschlechtsorganes geschlossen hatten, und war seitdem relativ immun gegen pubertäre Beleidigungsversuche seitens älterer (da repetierender) Klassenkollegen.
Auch Frauen gaben mir diesbezüglich so gut wie nie Anlaß zu Besorgnis oder Minderwertigkeitsgefühlen. So gut wie.
Die Ausnahme von der Regel offenbarte sich mir vor einigen Jahren am Küchenboden einer (bemerkenswert schönen) Frau, die - ein wichtiger Nebenumstand - vor mir eine längere Beziehung mit Brian hatte.
Brian war, wie der Name andeutet, Amerikaner. Afroamerikaner.
Gerüchte hin, Vorurteile her, ein Afroamerikaner, der etwas auf sich hält, spielt entweder Baseball, Football oder Basketball, wobei die Auswahl sich nach folgendem Kriterium richtet: Ist er zu klein für Basketball, dann spielt er Football. Ist er zu klein für Football, dann spielt er Baseball. Ist er auch noch zu klein für Baseball, dann wird er Sänger, Rapper oder DJ, und verdient in weitere Folge mehr als seine basket-, foot- und baseballspielenden Freunde zusammengenommen.
Brian hatte es nicht nötig, Sänger, Rapper oder gar DJ zu werden; er war groß genug für Basketball.
Bevor wir uns wieder dem Küchenboden zuwenden, noch einige Worte zu einem interessanten, sexualhygienischen Mechanismus: Will man nämlich ganz sicher gehen, dass ein konkretes Präservativ sein eigenes Ablaufdatum überlebt, dann muß man es nur an den dafür sichersten Ort geben: in seine Brieftasche, die man ständig, 365x24 Stunden im Jahr bei sich trägt. Auf diese Weise wird man es garantiert auf Jahre hinaus nicht benötigen. Ist man hingegen einer überlangen erotischen Durststrecke müde, genügt lediglich die Verbannung desselben an einen gänzlich unzugänglichen Ort, und unversehens findet man sich in den Armen einer begehrenswerten und liebeshungrigen Frau wieder.
So nimmt es nicht Wunder, dass ich an jenem Küchenboden sowohl in den Armen einer liebeshungrigen Frau, als auch außer Besitz eines Kondoms war. Mein Gegenüber (besser: Obenauf) eröffnete den folgenden Dialog mit den Worten:
"Hast du eh ein Kondom mit?"
"Mmm- nein."
"Sicher nicht?"
"Sicher nicht."
(Kurze Stille.)
"Ganz sicher?!"
"Ganz sicher. Hast du denn keines?"
(Längere Stille.)
Ich: "Heisst das jetzt ja oder nein?"
(Noch mehr Stille.)
Unmöglich, dass sie sich nicht angesprochen fühlte, wir waren naturgemäß alleine in der Küche.
Endlich eine Antwort: "Nicht wirklich."
"Nicht wirklich? Was heißt das?!"
"Irgendwie ja, irgendwie nein."
(Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich physisch bereits wieder etwas von der Dringlichkeit eines Kondombedarfs entfernt.)
"Inwiefern ja, inwiefern nein?"
"Na, ich hab schon welche..."
"Aber?"
"Aber... nein, vergiß es."
"Aber was?"
"Ich sagte, vergiß es."
"Aber was?"
"Aber die sind noch von Brian, und sind dir... - viel zu groß."
Sie machte tatsächlich eine kleine Pause vor 'viel'. Und ich wenn ich mich recht erinnere, unterstrich sie jenes 'viel' auch noch mit einer ausschweifenden Handbewegung.
Ich weiss nicht mehr, wielang es dauerte, bis ich wieder ein Wort hervorbrachte. Das nicht vorhandene, bzw. 'viel' zu große Kondom benötigten wir an jenem Abend jedenfalls nicht mehr. Wann auch immer ich später Freunde befragte, wie sie sich denn in einer solchen Situation verhalten hätten, stimmten sie überein: "Mir passiert sowas nicht."
Vielleicht sollte ich also doch das Lager wechseln und mir aus Sorge um meine Penisgröße ein schnelleres Auto kaufen, Elektrogitarre lernen oder mich gar um ein politisches Amt bemühen. Meine damalige Partnerin verließ mich übrigens Monate später zugunsten eines Amerikaners. Details über seine Pigmentation oder bevorzugte Ballsportart habe ich gottlob nie erfahren.
©1999 by hw